Alexandros Tsachouridis
ZÜRICH 🇨🇭 SWITZERLAND
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Der Mann der sich selbst vergessen hatte

Mit welchem Problem kam er?

Da stand der Mann vor mir. Er war nicht durchgestreckt, eher gebückt und nicht in seiner Kraft. Er erinnerte mich an mich selbst, als ich durch meine Scheidung ging. Ich sah nur mich selber, doch jetzt stand ich als starker Mensch wieder auf meinen Beinen und wusste, dass es nur vorübergehend war.

Ich sprach ihn an, er wollte nicht reden. Wer will das schon, wenn man Probleme hat. Keiner will seine Probleme teilen, der eine weil er sich schämt, der andere weil er es unmännlich findet. Ich lasse da schnell locker, doch nur, wenn mich jemand überzeugend abweisen kann. Wenn er auf eine Art und Weise das Gespräch sucht, dann tauche ich ein, in seine Welt und versetze mich in seine Lage. Ich fange an zu spüren, denke nicht mehr nach, achte nicht auf meine Wortwahl und erkläre mich auch nicht mehr.

Wenn der Punkt erreicht ist, gibt es nur 2 Optionen für die andere Person. Entweder er lässt zu, offen und direkt zu sprechen, oder er sagt: Aus, vorbei, ich möchte nicht mehr mit Ihnen sprechen.

Er sagte das nicht. Er fragte: "Wie haben Sie das geschafft, mit so viel Lebensfreude im Alltag zu stehen. Ich spüre ja, dass es Ihnen gut geht, das ist offensichtlich."

Ich schaute ihn an, tief in die Augen, sprach: "Das Leben ist viel zu kurz, du denkst, dass jetzt alles vorbei ist, doch das ist es nicht. Das ist nur jetzt dein Gefühl, das ist nur aktuell, in nem Jahr bist du wieder verliebt und wirst dein Leben lieben."

Er schaute mich an, als wäre ich vom Mond. Er sagte zu mir: "Das glaube ich nicht, ich glaube es ist vorbei. Mein Leben hat keinen Sinn mehr."

Ja Bruder, so einen Müll habe ich auch gesagt. Ich war auch das Opfer. Du wirst lachen wie schnell du wieder Mut und Kraft findest, wenn du mit dieser Opferhaltung aufhörst.

Er wollte nicht aufhören zu reden, ich auch nicht, denn ich weiß wie elementar solche Gespräche für Menschen sind, die gerade all die Hoffnung verloren haben.

Ich wusste, ich werde ihm helfen.

Ich habe ihm angeboten, dass wir beim Essen intensiver reden können, denn diese öffentliche Veranstaltung ist nicht der passende Ort um die Details zu besprechen.

Wie ich wusste, dass er die besprechen möchte? Naja, schau her, ich bin seit meinem 13. Lebensjahr mit Menschen in Kontakt, durch meinen Beruf im Einzelhandel. Damals habe ich lernen müssen, dass eine Bedarfsermittlung der wichtigste Teil ist. Es geht darum herauszufinden, was der andere Mensch gegenüber von dir möchte. Es ist egal, ob das im Autohaus ist oder beim Bäcker, ein Mensch der dir gegenüber steht, der möchte was.

Dieser Mensch wollte Erfahrungen die er nicht hatte, ich hatte sie. Und was wollte ich? Ich wollte helfen und mein Wissen teilen, damit ein anderer Mensch aus dem Schmerz heraus wachsen kann. Das war der Deal. Ich teile mein Wissen, er entlohnt mich dafür. Die Welt funktioniert so und das ist ok. Der Deal ist fair.

Was war seine Erwartung? Was habe ich versprochen?

Als wir beim Essen waren, spürte ich, dass er schon professionelle Hilfe angenommen hatte, doch diese Hilfe war ihm nicht ernst genug. Sie war zu oberflächlich, zu weich, nicht direkt genug. Ich bin da ganz anders, ich spreche mit Menschen auf eine Art die ganz klar hart und direkt ist. Manche halten das anfangs nicht aus, doch die die es aushalten, die wachsen schnell und ohne Umwege. Ich mag nämlich nicht meine Zeit verschwenden, das Leben ist kurz und wenn ich mit einer Person Zeit verbringe, dann möchte ich diese Zeit so gut wie möglich nutzen.

Seine Erwartungen an unsere Zusammenarbeit waren sehr klar, er sprach es auch direkt aus. Sätze wie: "Ich möchte so stabil wie du werden, ich möchte wieder diese Freude haben, ich möchte in meiner Kraft stehen. Ich möchte raus aus dieser Opferhaltung."

Ich habe ihm versprochen. Komm hier zu mir in den Ort und wir arbeiten zusammen vor Ort, denn ich werde das nicht übers Telefon machen können. Du brauchst einen Freund vor Ort der dir mal zeigt wie man durch den Tag geht, ohne, dass du wirkst, als hätte man dich verprügelt und durchgenudelt.

Was ist passiert?

Er ließ sich Zeit, meldete sich über Email, aber hatte immer noch die Angst vor der wahren Arbeit. Das haben viele Menschen. Sie zögern es hinaus, haben noch nicht das Vertrauen in sich selbst, sie zweifeln an ihren eigenen Entscheidungen und hinterfragen auch die Möglichkeiten die da sind. Sie schieben die Arbeit auf. Der Schmerz wird nur größer und wenn er größer wird, kommt die Hoffnung wieder auf, dass es doch diesen einen Typen gab, der ihnen versprochen hatte, dass er helfen kann.

Er buchte mich, reiste an und wir verbrachten eine Woche zusammen. Jeden Tag, von morgens bis abends. Er war einfach im Umgang, weil er sich entschlossen hatte. Wenn sich jemand von sich selbst entschließt, dann habe ich die beste Grundlage für meine Arbeit, denn jemand vertraut sich und seiner Entscheidung und lässt mir damit die Freiheit, in meiner Arbeit so zu handeln, wie ich es für richtig halte.

Meine Aufgabe ist es nicht in seiner Vergangenheit rum zu forschen und Fehler zu finden, meine Arbeit als Mentor ist ihm zu zeigen, wo er konkret handeln kann, damit sein Leben sofort besser wird. Ob es Aussprache ist, Haltung im Körper, die Begegnung mit neuen Menschen und die Flucht der Augen, damit man den anderen Menschen nicht in die Augen schauen muss, weil man sich noch schämt. Das sind Dinge die mir sofort auffallen und die ich sofort mit ihm kläre. Ich verschwende da keine Zeit, wenn die fremden Menschen weg sind, gibt es eine Ansage. Ich frage auch nicht, ob ihm diese Ansage passt, ich sage ihm: "Kollege, was drückst du dich denn immer, dich mal richtig vorzustellen, hast du Angst oder was? Fühlst du dich nicht wertvoll genug, bist du immer noch im Opfer-Modus oder wie?"

Dann merkst du schnell, dass dieser Mensch noch zu knabbern hat. Er fühlt sich selber nicht wertvoll genug und das musst du als Mentor sofort ändern. Wie? Du beweist es ihm vor Ort und direkt im nächsten Moment. Du nimmst ihn mit in ein Gym, trainierst und sagst: Sagen wir mal Hallo, lernen wir das mal. Hier ist mein Freund Markus, stell dich vor, ich kenne ihn aus den letzten Monaten. Du schaust zu wie er aus der Vergangenheit lernt. Er schüttelt die Hand kräftiger als noch am Morgen, er schaut ihm in die Augen und steht gerade da. Gut gemacht. Das mit dem Vorstellen üben wir noch, das geht noch besser. Also beim nächsten Freund vorstellen, schon besser. Jetzt zum Abschluss noch die Frau, da kommen schon wieder Ängste hoch, jetzt fällt die Schulter runter, der Rücken wird krumm, doch ich stelle mich daneben und klopfe heftig auf den Rücken. Er weiß jetzt was los ist, er wacht auf und kommt zu Sinnen.

Das sind kleine Details und sie haben eine mega große Wirkung. Nach 3 Tagen im Gym merken die Menschen, dass sich dieser Mensch öffnet, sie gehen auf ihn zu, er fängt an Hände zu schlagen, nicht mehr zu greifen und zu schütteln, sondern richtig zu schlagen. Es klatscht richtig. Die Energie fängt an zu strömen, durch seinen ganzen Körper.

Am 5. Tag spricht er auf der Straße jemanden an, den er schon mal gesehen hat. Er stellt sich nochmals vor und sagt mir danach: "Siehst du, ich hab gelernt, ich komme wieder aus mir raus."

Was war die Herausforderung?

Beim Abendessen reflektiert man dieses Verhalten. Meine Aufgabe als Mentor ist relevant, denn ich sehe Details die jemand in einer verletzten Phase gar nicht sehen kann. Warum? Weil die Person mit der Heilung beschäftigt ist und nicht mit der Analyse seiner Eigenwirkung.

Das ist extrem wichtig zu verstehen. Ich sehe diese Details als Mentor, weil ich in meiner Kraft bin. Wäre ich das nicht, würdest du a) hier nicht lesen und b) wäre ich nicht gefragt auf dem Markt. Die Leute buchen mich aus aller Welt, weil ich durchs Leben gehe, als würde mich das Leben täglich hier dabei haben wollen. Es fragt förmlich: "Alexandros, bist du heute wieder dabei, denn mit dir macht das Leben echt super krass Spaß."

Das mag zwar ein wenig überheblich klingen, doch man darf nicht vergessen, durch welche Hölle ich gegangen bin. Ich kenne die Fallen der Selbstmitleids-Phase und was es wirklich bedeutet, sich der Opfer-Rolle hinzugeben und in sie einzutauchen.

Ich hab das hinter mir, ich schaue nicht mehr zurück, sondern nur noch auf das was jetzt hier ist und wie ich diese Herausforderungen in der Gegenwart löse. Ich kenne die Lösungen, weil ich nur in ihnen denke. Ich sehe das Problem schnell, arbeite dann direkt an der Lösung.

Die Kunden die zu mir kommen sehen aber nur die Probleme und sind erschöpft davon, haben gar keine Kraft mehr, um die Lösungen zu finden. Darum ersticken sie in den Sorgen. Ich mache mit ihnen täglich Platz, damit sie durchatmen können, dann buddeln sie sich Stück für Stück mental und emotional und körperlich aus ihrem Loch raus, finden wieder das Licht und den Aufstieg.

Alle meine Kunden stehen nach einer harten und intensiven Zeit, meistens zwischen 3 und 5 Monaten, wieder auf eigenen Beinen und lachen darüber, worüber sie eigentlich vor unserer Zeit geweint haben.

Das Lachen kommt daher, weil man sich selbst klein geredet hatte. Man lacht jetzt, weil man weiß wie sehr man im Unrecht war. Kleinreden ist menschlich, unser Gehirn liebt es, sich klein zu reden. Darin sind wir Menschen gut, wir sind oft einfach nicht mehr in der Lage das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Das kennt jeder. Die Aufgabe ist es, dass wir uns den Weg nach vorne wieder frei räumen und meine Aufgabe als Mentor ist es, dass ich stets beim Aufräumen und neu Sortieren die Führung betreue, den Prozess der Reinigung begleite und nicht zulasse, dass neue Sorgen und Probleme den Tunnel verstopfen.

Wie sieht das heute aus?

Ob ich darin gut bin? Das können nur meine Kunden beurteilen, doch dieser spezielle Fall ist heute, nach vielen Jahren, wieder in seiner Kraft und hat Trennung und Scheidung überstanden und seinen Selbstwert enorm ausgebaut. Er hat die Routinen die wir gemeinsam gelernt haben mit in seinen Alltag genommen und noch wichtiger, integriert.

Ich stehe mit allen meinen Kunden in Kontakt, doch speziell mit ihm habe ich eine sehr private Bindung aufbauen dürfen. Er telefoniert oft mit neuen Interessenten von mir und erklärt was ich getan habe. Das baut Vertrauen bei den neuen Menschen auf. Sie entscheiden sich dann fast immer für eine Zusammenarbeit, denn das Wort eines Mannes dem geholfen worden ist, wiegt stärker, als das Wort von einem Typen mit ner großen Nase, der selbst toll über sich redet.

Ich danke dir fürs Lesen und schicke dir viel Liebe. Alexandros

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