Alexandros Tsachouridis
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Die Flucht vor dir selbst

Es gibt diesen Moment in jedem Leben, wo der Schmerz zu laut wird. Du kennst den Moment, ich werde ihn jetzt mit dir teilen, damit du ihn fühlst, ihn dir vor Augen halten kannst. Ich bin da und halte den Raum dafür.

Für manche ist es die Scheidung. Für manche der Job der nicht mehr funktioniert. Für manche einfach ein Dienstagabend alleine zuhause, wo plötzlich alles zu still ist. Ich hatte all diese Momente.

Und in diesem Moment greifen wir. Zum Glas. Zum Pulver. Zum Bildschirm. Zum nächsten Dopamin-Kick, egal welcher. Nicht weil wir schwach sind. Sondern weil wir nie gelernt haben, uns selbst zu halten.

Oder hat dir jemand erklärt, wie man mit Stille umgeht? Also mir nicht, und ich bin 1987 geboren und hab es 30 Jahre später lernen dürfen, dass die Stille der Meister ist. In der Ruhe liegt die Kraft.

Ich kenne diesen Moment der Unruhe besser als die meisten Menschen. Nicht aus Büchern, sondern aus meinem Leben. Kokain. Alkohol. Gambling. Pornos. Pillen. Techno-Partys bis zum Morgen. Alles was schnelles Dopamin verspricht, ich habe es probiert. Nicht einmal. Jahrelang. Fast mein Leben lang. Und die ganze Zeit dachte ich, ich hab alles im Griff. Klar, hatte ja auch Einkommen, eine Ehe und immer was zu Essen, na ja, fast immer. Ich hab oft auch mental am Limit gelebt und körperlich völlig durch, aber irgendwie klappte es und im Außen sah es noch ok aus.

Die Maske des Funktionierenden

Das ist die gefährlichste Lüge der Sucht. Und wenn du jetzt Sucht liest, dann fühlst du dich nicht angesprochen, richtig? Du bist nämlich nicht der Mann unter der Brücke. Du lieferst. Du arbeitest. Du lachst auf Partys. Du bist nicht kaputt, du bist beschäftigt.

Aber irgendwann hält die Maske nicht mehr. Denn deine Ehe läuft halt doch nicht so gut, wie es scheint und im Unternehmen bröckelt es auch. Was mal Krisen waren, wird der Dauerzustand.

Ich habe alles überlebt, aber die eine Sache, da ging nichts mehr bei mir. Da war game over. Bei mir war es die Scheidung. Als alles zerbrach was ich aufgebaut hatte, stand ich plötzlich vor einer Wahrheit die ich jahrelang weggeschoben hatte. Nichts davon war echt gewesen. Ich war einfach nur eine große Lüge. Ein kleines Stück Dreck am Schuh, und ehrlich gesagt, war das das beste Gefühl der Welt.

Warum? Weil ich endlich erlöst war von dieser schmutzigen Lüge. Ich konnte die Maske fallen lassen. Und das Verrückte: ich war noch am Leben, ich stand noch da. Die Welt drehte sich weiter.

Hinschauen. Volle Ladung Konfrontation. Das war der Moment wo ich alles ändern konnte. Ich durfte hinschauen. Heute weiß ich, das war der Tag an dem ich auferstanden war. Endlich.

Warum wir fliehen

Die meisten Menschen denken Sucht ist eine Frage der Substanz. Man hört auf zu trinken oder zu ziehen oder in den Puff zu gehen, man ist geheilt. Das ist falsch. Sucht ist eine Antwort auf eine Frage die nie gestellt wurde. Man drückt sich davor, weil man Angst vor dem Stillstand und der damit verbundenen Stille hat.

Wer bin ich wirklich? Und kann ich mit dieser Person leben? Liebe ich diese Person in mir, wenn ich genau hinschaue?

Ich habe mit der Schule angefangen wegzulaufen. Große Nase. Gelächter. Das Gefühl nicht gesehen zu werden, nicht dazuzugehören. Niemand hat mir damals gesagt: Du bist genug, genau so. Ok, klar, meine Mutter, ja klar, doch wer hört schon wirklich auf seine Mutter. Man nimmt die Eltern für so selbstverständlich, die Anerkennung möchte man im Außen und nicht im inneren Kreis der Familie. Aber das kann natürlich auch nur meine Art gewesen sein, ich will das nicht auf dich übertragen, ich kenne dich ja gar nicht. Noch nicht.

Also habe ich gesucht. Draußen. In Substanzen, in Anerkennung, in allem was den Schmerz für einen Moment überdeckt. Welchen Schmerz? Den Schmerz der entsteht, wenn die Stille da ist und fragt: Was sind deine Werte, wer bist du eigentlich und warum bist du hier mein Freund?

Diese Flucht ist keine Schwäche. Das ist ein Überlebensmechanismus. Aber viele Überlebensmechanismen die uns als Kind gerettet haben, zerstören uns als Erwachsene.

Jetzt kann man sagen, weil unser System nicht dafür gemacht ist, oder man kann zu sich ehrlich sein und zugeben: ich hatte gar kein Interesse zu lernen mit der Stille zu leben. Gib mir die Pornofilme, gib mir das Gras und gib mir die Nasen Koks und baller mir Techno und lasst uns die Welt vergessen, ich lebe jetzt und wer weiß was kommt. So habe ich von 13 bis 23 gelebt. Wenige Menschen werden all das erlebt haben, was ich erlebt habe, denn ich hätte 20 Mal sterben können. Doch das Leben will mich hier haben, darum flaniere ich jetzt durch die Welt und sage das was ich fühle: Leben zu dürfen ist so geil, ich bin so dankbar noch hier sein zu dürfen.

Ich schreibe das mit einer Dankbarkeit, das ist die stärkste Emotion. Das Zusammenspiel aus Klarheit und Realität annehmen ist die stärkste Droge und der Rausch der natürlich kommt, das ist ein wahres Erlebnis. Besser als alles was man künstlich konsumieren kann.

Was wirklich hilft

Ich springe zu dem Moment, der mich gebrochen hat. Nach der Scheidung habe ich nicht sofort aufgehört. Zuerst kam mehr Konsum. Ich hab alles gemacht, von den Nutten bis zu den Nasen von den Brüsten der Frauen und den Afterparties mit Menschen, die genauso kaputt waren wie ich, aber nicht kaputt im bösen Sinne, sondern so verletzt von ihren eigenen Taten. Den Taten die sie sich selbst antaten, damit sie diese Stille im Leben nicht erleben müssen. Flüchtlinge wie ich. Als wir alle gemeinsam unser Leben betäubten, fühlte es sich schon fast so an, als wäre es richtig. Kennst du das? Damals in der Schule hieß das Gruppenzwang, wenn man erwachsen ist, heißt es einfach: "So macht man das halt, ist halt so."

Dann kam das Aushalten. Und das war eine Schule bei der es keine Aufnahmeprüfung und auch keinen Abschluss gab. Es war jedoch die wichtigste Station im Leben.

Ich habe trainiert. Habe genau hingeschaut. Habe angefangen zu fragen wer ich wirklich bin wenn man mir alles wegnimmt. Und mir wurde alles genommen, weil ich alles verloren hatte. Nicht nur Geld, das ist egal, das kommt und geht. Doch meine Würde hatte ich mir selbst genommen und meinen Respekt vor mir selbst, den hatte ich Stück für Stück in der Ehe die Toilette runtergespült. Dann war sie irgendwann da. Die brutale Stille. Sie macht gar nichts, genau deshalb ist sie so hart, weil sie nichts macht, gar nichts. Und doch verändert sie alles in deinem Leben.

Und in dieser Stille habe ich etwas gefunden das ich nie erwartet hätte. Dankbarkeit.

Auf einmal erfreute ich mich am Stuhl, auf dem ich sitzen durfte. Ich fasste meine Haare an und lachte, weil ich noch welche hatte. Ich fühlte meine Tränen im Gesicht und merkte wirklich, dass ich ja noch leben darf. Nach all dem was ich erlebt habe, ich darf wirklich noch da sein? Diese Frage wurde mit Ja beantwortet und dieses Ja wurde mein Leitfaden im Leben.

Selbst in meinen dunkelsten Momenten, selbst als ich nicht mehr leben wollte, war da etwas in mir das wusste: Das Leben ist ein Geschenk. Auch dieser Schmerz der ständig da war, auch dieser gehört dazu. Heute weiß ich, dass gerade dieser Schmerz der wahre Grund für tiefes Wachstum ist. Ohne diesen Schmerz würde ich heute gar nicht glücklich, zufrieden und im Einklang in meinem Leben hier sitzen.

Diese Dankbarkeit hat mich nicht gerettet. Auf keinen Fall, es war schon meine eigene Arbeit und meine Absicht an die Liebe zu glauben, nie aufzugeben. Doch diese Dankbarkeit hat was mit mir gemacht, nämlich mir gezeigt dass da noch jemand ist der es wert ist gerettet zu werden. Nämlich mein wahrer Kern. Dieser kleine Junge mit der großen Nase der doch eigentlich nur im Garten mit Ameisen spielen wollte, vom Baum zu Baum klettern und später vielleicht Heiler oder Lehrer werden möchte. Weil die Mutter vorgelebt hat, dass man anderen helfen kann und darin ein Seelenfrieden entsteht. Zu dienen war schon immer mein Kern, doch falsch abgebogen und weit weg von meinem Kern in Berlin, da ging es um Zerstören und Vergiften, die Heilung sollte erst später kommen. Jetzt liest du von ihr, also war alles in der Vergangenheit richtig, denn ich fühle, dass dir das Gelesene dient. Ich bin also eine Art Diener, damit deine Zerstörung ein Ende finden darf.

Eine Identität die niemand dir nehmen kann

Heute könnte ich die Firma verlieren. Meine Eltern. Alles. Ich wäre immer noch ich. Das ist einfach so, nimm es mir jetzt. Alles. Ich hab nichts verloren, weil ich im Außen gar nichts habe, alles existiert in mir. Ich werde nackt auf die Straßen gehen und in 2 Stunden alles haben, was ich im Leben wirklich brauche, denn ich weiß wie man dem Leben volle Kanne ins Gesicht schaut. Egal wo auf der Welt, egal in welchem Umfeld auf dieser Erde.

Das ist keine Arroganz. Das ist in meinen Augen die einzige echte Freiheit die ein Mensch erreichen kann. Nichts was ich schreibe steht hier, um dich zu bewerten, ich schreibe alles, weil ich es aus der Liebe zum Leben mit dir teile. Bitte sei dir dessen bewusst.

Was das für dich bedeutet

Wenn du gerade flüchtest, in was auch immer, dann ist das kein Versagen. Das ist kein Verlust, das ist dein größter Gewinn. Warum? Es ist ein Signal. Ein Signal dass ein Teil von dir noch nicht gehört wurde. Noch nicht gesehen. Noch nicht gehalten.

Die Frage ist nicht wie du aufhörst zu konsumieren. Die Frage ist: Wer bist du wirklich? Und kannst du lernen, mit dieser Person zu leben?

Das ist die Arbeit. Allein das ist die ganze Arbeit und ich glaube auch fest daran, dass das die einzig relevante Frage im Leben ist. Sie ist relevant, denn wenn du darauf Antworten findest, dann wirst du ganz neue Ebenen deiner Selbst erleben. Wenn du diese Ebenen in dir erlebst, wirst du verstehen warum ich heute in der Öffentlichkeit stehe und sage: Die Realität ist deine stärkste Droge und der größte Rausch ist deine Klarheit im Leben.

Wenn du es fühlst — teile es.

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